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Tübingen (23.-25.3.2023)

08.01.2023

Das Christentum ist eine textbasierte Religion. Der Umgang mit alten und neuen Texten prägt die Geschichte des Christentums – von der Alten Kirche bis in die heutige Zeit. Es wäre dennoch ein Missverständnis, sich die Kirchengeschichte als eine große verstaubte Bibliothek mit unzähligen Büchern vorzustellen. Denn Texte waren und sind in Benutzung und veränderbar. Die interpretative Offenheit ermöglichte und ermöglicht bis heute unterschiedliche Auslegungen und

Interpretationen. Durch Auslegung und Aneignung können Texte auch zu Traditionen oder sogar zu Autoritäten werden. Daneben bleiben Texte jedoch nicht nur schriftliches Wort. Durch das Vorlesen werden auf vielfältige Weise Beziehungen zwischen Vortragendem:r und den Leser:innen bzw. Hörer:innen geschaffen. Gleichzeitig kann das mündliche Wort durch Verschriftlichung (wieder) zum Text werden. Diese verschiedenen Prozesse im Umgang mit textueller Kultur stehen

im Fokus des Workshops vom 23.-25.III.2023 in Tübingen.

Wie zentral der Umgang mit Texten für die Alte Kirche war, zeigt sich auf naheliegende Weise zunächst an den biblischen Schriften. So war es von eminenter Bedeutung, die Verheißungen des Alten Testaments mit dem Jesusereignis verknüpfen zu können. Dazu war eine Neulektüre und Neuinterpretation der jüdischen Tradition nötig. Dies beginnt in der Abfassung der Schriften des Neuen Testamentes, die selbst zu Autoritäten und Traditionen wurden. Durch die

Deutungsoffenheit, die allen Texten – auch den Schriften des Alten und Neuen Testamentes – gemein ist, entstanden in der Folge theologische und doktrinale Dispute um die ‚korrekte‘ Auslegung und Inbezugsetzung. Neben der Kanonisierung und Exegese biblischer Schriften bildete sich auch ein Umgang mit christlichen Texten heraus: Texte wurden als häretisch abgelehnt, andere zu Glaubensregeln und Traditionen erklärt, denen autoritative Geltung zugesprochen

wurde. Auch in der Auseinandersetzung mit nicht-christlichem Texten und Bildungsgut stellte sich die Frage, wie mit diesen umzugehen ist: Integration durch usus iustus oder Ablehnung und Verdammung? So blieb (und bleibt) die Rezeption von Texten ein Feld ständigen Dialogs bzw. ständiger Aushandlung: Welche Texte sollen autoritative Geltung haben und wie sind diese Texte richtig auszulegen?

Neben dieser eher auf den Inhalt und die Bedeutung fokussierten Seite des Umgangs mit Texten gehört auf die Seite der Praxis das Lesen und Verschriftlichen. Prominenteste Beispiele für ein (Vor-)Lesen in der Alten Kirche sind an dieser Stelle sicherlich die biblischen Lesungen des Gottesdienstes. Aber auch das Verhältnis von christlicher und nicht-christlicher Lesekultur (otium litteratum) sowie grundsätzliche Fragen der Literacy von Personen im Kontext der Alten Kirche kommen hier in den Blick. Ebenfalls von Relevanz ist in diesem Zusammenhang, wie die Auswahl der verfügbaren Texte das Denken und Leben der Leser:innen - bzw. Hörer:innen-Gruppe prägte. Dabei ist die Praktik des Lesens in der (Spät-)Antike immer aufs engste mit der Praxis des Schreibens verbunden: Seien es Briefe, das Verschriftlichen von Predigten, das Vortragen zunächst schriftlich ausgearbeiteter carmina, das Kopieren (und Redigieren) von Manuskripten oder das Übersetzen von Texten. Auch beim Schreiben steht dabei die Frage der Beziehung zwischen Schreiber:in und Leser:in im Hintergrund.

Ein Sprung in die Gegenwart zeigt, dass eine Re:Lecture patristischer Texte auch heute stattfindet (finden muss?). Bis auf wenige, spektakuläre Ausnahmen wie die Mainzer Augustinus-Predigten oder Psalmhomilien des Origenes aus der Bayerischen Staatsbibliothek sind Neuzugänge zu Corpus der patristischen Texte kaum zu verzeichnen. Umso wichtiger ist es, die bekannten Texte unter einem neuen Licht zu betrachten. Zugänge aus Soziologie und Kulturwissenschaften

ermöglichen dabei neue Erkenntnisse, insbesondere zur Sozialgeschichte, und somit einen neuen Blick auf alte Paradigmata der alten Kirchengeschichte.

Auf der Basis dieser einleitenden Gedanken freuen wir uns über Beiträge zu den folgenden Ober-Sektionen:

I. Neu gelesen: Auslegung alt- und neutestamentlicher sowie nichtchristlicher Traditionen in der Alten Kirche sowie das Herausbilden dezidiert christlicher Autoritäten.

II. Die Praxis von Lesen und Schreiben in der Alten Kirche: Vorlesen und Lesekultur sowie Verschriftlichung und Tradierung von Texten.

III. Ein neuer Blick auf alte Texte: Re:Lecture patristischer Texte mit soziologischen und kulturwissenschaftlichen Methoden.

Teilnahme mit Vortrag:

Interessierte bitten wir bis zum 08.01.2023 um ein kurzes Exposé zu eurem/Ihrem vorgeschlagenen Thema (als PDF, bitte max. eine Seite). Der Vortrag sollte 20 Minuten dauern; anschließend sind 10 Minuten für Fragen geplant. Nach Sichtung aller Einsendungen wird das endgültige Tagungsprogramm erstellt.

Teilnahme ohne Vortrag:

Auch ohne eigenen Vortrag freuen wir uns sehr über eure/ Ihre Teilnahme! Anmeldungen dieser Art können bis zum 31.01.2022 erfolgen.

Dieser Call for Papers richtet sich an den wissenschaftlichen Nachwuchs in jeglicher Arbeitsphase einer Qualifikationsarbeit (sowie an Post-Docs) der verschiedenen Disziplinen, die mit der Zeit der Alten Kirche befasst sind (z. B. Theologie, Altphilologie, Geschichte, Judaistik, Philosophie, Archäologie, Byzantinistik).

Es ist ausdrücklich erwünscht, diesen Call for Papers an Interessierte weiterzuleiten!

Hier noch einmal das Wichtigste in Kürze:

• Deadline Exposé: 08.01.2023

• Deadline Teilnahme: 30.01.2023

• Kontakt:

stefan.metz@uni-tuebingen.de (Katholische Fakultät)

david-burkhart.janssen@uni-tuebingen.de (Evangelische Fakultät)